Die Oribi-Geschichte
Es hatte sich eine Hündin zum Decken angesagt. Da sie verwandt war mit Askari, dem Rüden meines Mannes Claus, wollten wir an Stelle des Deckgeldes einen Welpen nehmen. Wir fanden es witzig, dann einen Hund zu haben, der der ein Kind von Asir und mit Askari verwandt wäre.
Aber leider ließ sich die vierjährige, behütete Hündin nicht decken. Nicht nur deren Besitzer waren enttäuscht.
Beim Durchblättern der ÖKV-Zeitschrift stießen wir kurz darauf auf eine Deckmeldung aus dem Zwinger Namilanga von Elisabeth Hammerschmid in Wien. „Ruf´ Du sie doch an, Du kennst sie länger", meinte ich zu meinem Mann. Elisabeth kannte uns von verschiedenen Ausstellungen in Österreich, und da Claus´ Askari einen österreichischen Vater hatte, fühlten wir uns heimisch. Am 2.4.2002 war der Wurf gefallen, und wir durften uns eine von zwei Hündinnen aussuchen: unsere Wahl fiel, nicht nur wegen der zu Asir passenden Farbe, auf eine neugierige, aufgeweckte kleine Dame. Da es ein O-Name sein sollte, wählten wir aus dem Buch „ The Big Game Of The World" nach langer Überlegung den Namen Oribi: das ist eine afrikanische Antilope, die im Ursprungsland des Rhodesian Ridgeback lebt.
Im Juni holten wir sie ab: es gab ein fürchterliches Gewitter als wir sie ins Auto setzten, und sie fand es toll, dass Asir bei ihr auf der Rückbank mitfahren sollte. Der war aber überhaupt nicht erfreut und saß mit gequältem Gesichtsausdruck da. Das war kein guter Einstieg für die Sache, und so durfte Asir trotz stärksten Regens aussteigen und sich hinten in den Kombi setzen.
Bevor wir endgültig auf die Autobahn kamen und da der Regen aufgehört hatte, suchten wir noch einen passenden Ort, wo sich die Hunde lösen sollten.
Klein-Oribi kürzte die Suche ab und kotzte ins Auto: Futterbrei versetzt mit Kirschen!
Der Wurf war unter einem Kirschbaum groß geworden, und die Welpen fanden da fruchtige Beinahrung. Und anscheinend hatte sie auch noch sehr gut gefrühstückt.
Aber das Malheur war schnell behoben.
Beim Halt bei der Autobahnraststelle am Mondsee musste sie sich bereits mit Gitterrosten und ungewohnten Untergründen beschäftigen. Die Menschen, die uns begegneten, hielten sie immer für das „Kind von dem großen Hund" und waren sehr lieb zu ihr. Kurz vor einem weiteren Halt legte sie noch ohne Vorwarnung eine große Wurst ins Auto. Das war dann sowieso eine ihrer Spezialitäten: den Ausgang/die Tür anschauen und hoffen, dass das einer ihrer Menschen sieht, wenn nicht: ein Ei legen, egal wohin. Das hat sie auch mal in unserer Anwesenheit in der Küche geschafft.
Asir gewöhnte sich schnell an die neue Mitbewohnerin. Er spielte wirklich nett mit ihr, aber ließ sich fiel gefallen: nach dem Gassi stürzte sie sich immer wie eine Wahnsinnige auf ihn und zupfte an ihm rum, sprang in an und wenn er nicht auf ihre Aufforderungen einging, verbellte sie ihn lautstark. Anders Askari: er ließ sich nichts gefallen und erfüllte als „Onkel" am besten die Erziehungspflichten.
Schon bald zeigten sich Ansätze von Jagdverhalten, die ich damals aber nicht für so wichtig nahm: sie jagte Schmetterlinge! Der erste Rehbock sandte Schauer über ihren Körper. Dann kamen Enten. Und dann die fatale Sache mit dem Hasen: Oribi war schon lange an der Stelle vorbei gelaufen. Dann kam ich. Und Asir dödelte so vor sich hin. Hinter mir. Ich blickte um und er schaute gelangweilt an eine bestimmte Stelle am Wegrand. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte. Schließlich waren ein Hund und ein Mensch schon vorbei gegangen. Sein Blick ließ kein Wild vermuten, also sah ich keinen Anlass für irgendein Hörzeichen.
Dann ging alles ganz schnell: Asir sprang ein, der Hase raus, Oribi hinter dem Hasen her, Asir hinter Oribi her, ich rufe: „Bleib da". Asir bleibt stehen. Oribi läuft weiter. Oribi kommt wieder und schaut, wo wir bleiben. Und läuft wieder dem süßen Duft hinterher.
Asir hat aber auch ein Talent, andere für sich arbeiten zu lassen!
Ein von meinem Mann geschossener Spießer, den Asir alleine einfach genau von der Nähe inspiziert hätte, erschein ihm im Beisein von Oribi so gefährlich, dass er ihn vorsichtig in großem Bogen umkreiste, während Oribi sich schon am Aufbruch gütlich tat. Oder wollte er sie nur vor wehrhaftem Wild warnen?
Überhaupt gab es da so eigenartige Dinge: Als sie ein niedriges Gatter nicht springen wollte, das wir bei einer Wanderung überwinden mussten, sprang er mehrmals ganz eng neben ihr über die Stangen. Als wollte er ihr zeigen, dass es geht und ganz harmlos ist. Dieses Verhalten zeigte er auch bei Gitterrosten, die über einem tiefen Schacht lagen: enges Nebenherlaufen, umdrehen, wieder vorbei usw..
Schon bald wollten wir Oribi nicht mehr ohne Flexileine laufen lassen: wir leben praktisch nur in wildreichem Gebiet, und sie wittert jedes Molekül Reh und sieht jedes Hasenohr auf 300m. Nach maximal 20 oder 25 Minuten ist sie zwar wieder da, aber wir wollen das Wild nicht beunruhigen, wir wollen nicht, dass sie sich am Stacheldraht verletzt, und wir haben im Bergwald oft sehr raues Gelände, wo leicht ein Lauf zwischen den Steinen hängen bleiben kann. Nachdem wir einmal eineinhalb Stunden hinter ihr her waren, und sie hinter uns, weil wir dummerweise nicht an der Stelle gewartet hatten wo sie im Wald verschwunden war – wir hatten sie im Jagdrevier meines Mannes wie schon öfter neben dem Auto laufen lassen – war es klar: Leinenzwang. Das Antijagdtraining war im Prinzip schon erfolgreich, aber wenn man nach der Arbeit nach Hause kommt, und mit zwei Hunden unterwegs ist, ist man nicht mehr so konzentriert, wie es dann nötig wäre. Und Oribi ist verdammt schnell: Wenn sie passendes Wild sieht, dann reicht meine Reaktionszeit nicht aus, sie rechtzeitig unter Kontrolle zu bringen. Aber heute, mit vier Jahren, setzt sie sich einfach ab, wenn sie meint, dass sie etwas interessantes gesehen oder gewittert hat und ich spiele schon mit dem Gedanken, sie mal wieder frei laufen zu lassen. Eigentlich hatte ich ihr das ja auch versprochen, nach der Aufzucht ihres ersten Wurfes….
Aber das ist eine andere Geschichte.