Aziza - oder: die „Elfen“

 Am 6. Dezember 2004 – das war einer der Tage, an dem unser erster Wurf entstehen sollte. Asir war so in seine Oribi verliebt, dass man sie nicht alleine lassen konnte.

Ich kam von der Arbeit nach Hause und beide Hunde erschienen mir so entspannt, dass ich sie, während ich mir eine Tasse Kaffee machte, allein in den Garten ließ.

Ihre Spielwiese liegt unten an der Loisach und ist schlecht einsehbar. Mir kam die Zeit irgendwie zu lange vor und ich ging raus in den Garten.

Da kam mir Oribi schon mit angelegten Ohren und eigenartig hüpfend entgegen Asir lag unten im Garten auf der Seite und putze seine Männlichkeit. Und Oribi lief wieder hin zu ihm: „Frauli, schau´ nur was wir gemacht haben“ schien sie zu sagen, immer wieder über Asir hüpfend. Ich hatte Angst, sie würde ihn verletzen und rief sie zu mir.

Also war es doch schon so weit?

Ich hatte abends einen Termin bei einer Fachtierärztin für Fortpflanzung und diese meinte, dass es erst am Wochenende soweit sei.

Diesmal passten wir auf, und man konnte am Sonntag zwei Personen und zwei Hunde bei Minusgraden am Boden liegen sehen. Weil Asir immer zu schnell auf der Hündin war, und bis wir beim Umsteigen „helfen“ konnten, heruntergefallen war. Da man 40 kg schlecht wieder auf die Beine stellen kann, legten wir die Hündin auf die Seite , und uns dann dazu. Es war uns eine Lehre und wir verhielten uns zukünftig immer so, als ob eine fremde Hündin bei uns wäre.

Insgesamt haben wir dann in dieser Woche 5 mal gedeckt. Nach dem letzten Mal war dann aber schlagartig das Interesse erloschen.

Oribi nahm die ganze Sache gelassen, und am 2. Februar, während ich mich noch durch die Schneewehen des Oberlandes kämpfte, begann sie um 14:30 Uhr mit der Geburt.

Claus bemerkte eine Unruhe und ließ Oribi in den Garten. Sie hockte sich so eigenartig hin und er sah eine Ausbuchtung im Dammbereich. „Schnell geh´ rein!“ lockte er die Hündin in die Wurfbox in der Küche. Er half bei den ersten drei Welpen, rief mich immer wieder im Auto an, und wurde dann von mir abgelöst. Da hatte Oribi auch schon gelernt, wie man abnabelt und trocken leckt.

Jeder Welpe wurde nach der Geburt sofort gewogen, die Charakteristika aufgezeichnet und der Hündin wieder vorgelegt, die sofort weiter putzte und das Kleine dann zum so notwendigen ersten Trunk ließ.

Wir hatten 7 Welpen im Ultraschall gesehen, mit neunen hatte ich gerechnet, und als dann doch noch die ersten für mich sehbaren Wehen über den Körper der Hündin huschten, kamen noch die 10 und die 11!

Alles schien wunderbar glatt zu gehen. Ich hatte zwei Fachbücher und eine Fachzeitschrift neben mir am Küchentisch liegen, immer aktuell aufgeschlagen, um ja alles richtig zu machen. Die Hündin war Abends um halb zehn noch geröngt worden, um sicher zu sein, dass auch alle Welpen gekommen waren. Sie schien den Ausflug zum Tierarzt direkt zu genießen.

Die erste Nacht verlief dann ruhig. In der zweiten Nacht: Aufruhr in der Küche! Wir schlafen direkt darüber, es ist ein altes Haus, man hört alles: lautes Winseln!

Ich sofort hinunter: da steht Oribi in einem Haufen zusammen gescharrter Welpen und nimmt grade einen Welpen in den Fang . Ich lasse sie gewähren. Was für Instinkte laufen gerade ab?

Sie geht mit dem Welpen zur Tür. Sie will hinaus. Sie geht ins Wohnzimmer, auf ihre geliebte Couch. Sie legt sich hin. Der Welpe noch immer im Fang. Nach einer ewigen Zeit legt sie den Welpen langsam ab.

Möchte sie mit dem ganzen Wurf umziehen? Alles ist absolut sauber, kein Rest von Geburt ist für uns Menschen zu erkennen. Ich nehme den Welpen vorsichtig auf und trage ihn zurück, die anderen Geschwister liegen auf einem Haufen und sind unruhig. Wir betten die Welpen in ihren Karton mit dem Lammfell um, in den wir sie immer legen, wenn wir sie wiegen oder wenn sie getrunken haben und wir sauber machen. Alles wird wieder schön hergerichtet und die Mutter verdonnert, sich hin zu legen. Wir legen die Welpen wieder zu ihr und die fangen sofort wieder das saufen an. Glück gehabt!

Die nächste Nacht. Noch größeres Geschrei! Die Mutter steht schon mit einem Kind im Fang hinter der Tür! Sie will schon wieder umziehen. Im Wohnzimmer liegt heute aber der Vater auf der Couch. Und der darf doch schon seit dem dritten Welpen nicht mehr in die Küche. Jetzt das noch! Oribi ist verzweifelt. Sie will ihren Wurf aus der „Geburtshöhle“ in eine neue Höhle bringen, wo er vor Raubzeug sicherer ist, wo es anders riecht.

Sie dreht um und geht zurück in die Küche, geht in die Wurfbox, und überlegt: könnte ich den Welpen nicht in den Karton legen? Die Höhe der Wand beträgt fast 50 cm! Das schafft sie nie!

Ich lege meine Hände unter den Welpen und sage langsam „aus“. Und das Wunder passiert: voller Vertrauen legt sie mir ihren Welpen in die Hand!

Doch es sollte noch einmal Schwierigkeiten geben in dieser ersten Woche.

Oribi erscheint etwas dasig und lustlos. Ich messe Fieber: erhöhte Temperatur! Links vorne ist die Milchleiste verhärtet! Eine Mastitis kündigt sich an. Ich erhalte professionelle Hilfe: Meine alte Freundin Eve, die schon mehrere Würfe aufgezogen hat, hilft beim Massieren und Anlegen der stärksten Welpen: sie sollen diese Brustdrüse leer trinken. Nina, die Tochter meine Mannes, lernt gerade Hebamme und legt gekonnt einen Quarkwickel. Oribi lässt sich alles gefallen und wir schaffen es! Was war der Fehler? Ich hatte die Futterration der Hündin zu schnell erhöht und sie hatte mehr Milch produziert, als die Welpen abtrinken konnten.

Alles weitere verlief dann problemlos: das Zufüttern, die Umstellung von Brei auf Welpenfutter, der Umzug in unser ausgeräumtes Esszimmer, und der Freilauf in die warme Märzensonne auf unserer Terrasse.

Langsam schmolz der Schnee und wir machten immer weitere Ausflüge in den Garten.

Der Ausflug das Hochufer hinunter gestaltete sich für einen Welpen etwas schwieriger. Ein für ihn riesiges Schneefeld lag vor ihm und er traute sich nicht hinunter. Seine Geschwister waren alle schon unten. Ratlose Blicke treffen mich, aber ich warte nur. Er muss es alleine schaffen. Da haben zwei Geschwister die Misere entdeckt. Sie laufen hinauf und geleiten ihr Geschwister sicher hinunter. Leider habe ich mir nicht gemerkt, wer die drei waren.

In der achten Woche hatten wir einen Welpentest durch eine Doktorandin der Tiermedizin, den ich aber nicht als sehr aufschlussreich empfand, da die Welpen durch die Dauer des Tests in jeweils sehr unterschiedlichen Aktivitätsphasen waren.

Das tägliche Wiegen war bereits einem wöchentlichen gewichen, da die Gewichte, mal 11, langsam in den Rücken gingen. Am anstrengendsten empfand ich das Autofahren: mit jedem Einzelnen die gerade Strecke, bremsen, Kurve, und zurück. Nur einer hatte Schwierigkeiten, was sich aber mit einer zweiten Fahrt, nun mit etwas Fleisch in der Hand, ganz gut regeln ließ. Er hat übrigens bei dem Welpentest am besten abgeschnitten…

Dann kam die Zeit des Abschieds. Das Schlimmste war eigentlich in das Welpenzimmer zurück zu kommen und zu sehen, dass es immer weniger Welpen sind.

Aziza durfte bei uns bleiben. Zwei gute Stellen waren kurzfristig hintereinander ausgefallen und wir wollten sie nicht einfach so abgeben. Alle unsere Welpenleute kannten wir ja schon so lange vorher.

Aber wir haben einen Großteil unserer „Elfen“ dann fünf Sonntage hintereinander wieder sehen dürfen, als wir unser „Welpentreffen mit Ausbildung“ abgehalten haben.

Das erste Treffen verlief etwas dramatisch, da Oribi ihre eigenen Kinder nicht mehr erkannte und ernsthaft drohend auf sie los ging. Sie kam in den eingezäunten Auslauf und durfte zusehen, wie ihre Kinder einen Welpenparcour bewältigten. Als ich sie später heraus ließ, wollte sie nur schnuppern, wo ihre Kinder gelaufen waren. Und da erkannte sie sie an deren Pfotengerüchen wieder: die Welpen hatten die Gerüche aus ihrer neuen Heimat an sich, Oribi erkannte aber den Geruch nur ihres eigenen Kindes Aziza als den „richtigen“ an. Aber nun war alles gut, und als wir eine „Tochter“ im Mai für eine Woche gehütet haben, da wurden ihr die Zähne genauso zwangsgeputzt wie Aziza.

Heute sind nun mehr als eineinhalb Jahre vorbei. Immer wieder mal schaut einer unserer "Welpen" vorbei, und es ist eine Freude zu sehen, wie sie sich entwickelt haben. Manche flippen regelrecht aus, wenn sie mich sehen, andere nehmen es gelassen. Aber alle vertragen sich mit Mutter und Schwester oder dem Vater - dem wir allerdings den Stress mit seinen temperamentvollen Söhnen nicht mehr antun. Und einige können schon vorzüglich-Bewertungen bei Ausstellungen vorweisen. Das freut uns.